Humanistisches Dokument

“Aber zwischen diesen humanistischen Bestrebungen einerseits und der Realität der heutigen Welt andererseits ist eine Mauer entstanden. So ist der Augenblick gekommen, diese Mauer niederzureissen, und dazu ist die Vereinigung aller Humanisten dieser Welt notwendig.”

Die Humanisten sind Männer und Frauen dieses Jahrhunderts, dieser Epoche. Sie erkennen den historischen Humanismus als Vorläufer an und lassen sich von den Beiträgen verschiedenster Kulturen inspirieren, nicht nur von den Kulturen, die in diesem Augenblick eine zentrale Rolle spielen. Sie sind überdies Frauen und Männer, die dieses Jahrhundert, dieses Jahrtausend hinter sich lassen und sich in eine neue Welt projizieren.

Die Humanisten spüren, dass sie eine lange Geschichte hinter sich und eine noch weiter reichende Zukunft vor sich haben. Sie denken an die Zukunft, indem sie für die Überwindung der gegenwärtigen globalen Krise kämpfen. Sie sind Optimisten, die an die Freiheit und an den sozialen Fortschritt glauben.

Die Humanisten sind Internationalisten: Sie streben eine universelle menschliche Nation an. Sie haben ein globales Verständnis der Welt, in der sie leben, während sie in ihrem direkten Umfeld handeln. Sie wünschen sich keine uniforme Welt, sondern eine vielfältige Welt: vielfältig in den ethnischen Gruppen, den Sprachen und den Sitten; vielfältig in den örtlichen Gegebenheiten, den Regionen und den Selbstverwaltungsgebieten; vielfältig in den Ideen und in den Bestrebungen; vielfältig in den Weltanschauungen, im Atheismus und in der Religiosität; vielfältig in der Arbeit; vielfältig in der Kreativität.

Die Humanisten wollen keine Herren, sie wollen keine Führer, sie wollen keine Bosse. Ebensowenig fühlen sie sich als Vertreter oder Bosse von irgend jemandem. Die Humanisten wollen weder einen zentralistischen Staat noch einen Parallel-Staat, der diesen ersetzt. Die Humanisten wollen weder Polizeiheere noch bewaffnete Banden, die an deren Stelle treten.

Aber zwischen diesen humanistischen Bestrebungen einerseits und der Realität der heutigen Welt andererseits ist eine Mauer entstanden. So ist der Augenblick gekommen, diese Mauer niederzureissen, und dazu ist die Vereinigung aller Humanisten dieser Welt notwendig.

“Die Humanisten können sich ausschweifende Argumentationen darüber ersparen, dass heutzutage die technologischen Voraussetzungen genügen würden, um innerhalb kurzer Zeit die Probleme wie Arbeitslosigkeit, Ernährung, Gesundheitsversorgung, Wohnsituation und Ausbildung in weiten Teilen der Welt zu lösen.”

1. Das weltweite Kapital

Die grosse universelle Wahrheit ist folgende: Das Geld ist alles. Das Geld ist Regierung, ist Gesetz, ist Macht. Es ist überhaupt Lebensgrundlage. Aber überdies ist es die Kunst, die Philosophie und die Religion. Ohne Geld geht gar nichts. Nichts lässt sich ohne Geld machen. Es gibt keine persönlichen Beziehungen ohne Geld, keine Intimität ohne Geld, und selbst das müssige Alleinsein hängt vom Geld ab.

Aber der Umgang mit dieser ‘universellen Wahrheit’ ist widersprüchlich. Denn die Mehrheit der Leute möchte diesen Stand der Dinge nicht. So sind wir der Tyrannei des Geldes unterworfen einer Tyrannei, die keineswegs abstrakt ist, da sie durchaus konkrete Namen, Repräsentanten, ausführende Organe und ganz bestimmte Vorgehensweisen aufweist.

Es handelt sich heutzutage nicht um feudale Wirtschaftsformen, nicht um nationale Industrien, ja nicht einmal um Interessen von regionalen Gruppen. Vielmehr müssen diese historischen Überbleibsel heute ihre Nische dem Diktat des internationalen Finanzkapitals unterordnen. Einem Kapital, das sich weltweit zu Spekulationszwecken konzentriert. Auf diese Weise überlebt sogar der Nationalstaat selbst nicht mehr ohne Kredite und Darlehen. Alle betteln um Investitionen und geben Garantien, damit die Banken die endgültige Entscheidung haben. Es ist nicht schwer vorauszusehen, dass sogar die Unternehmen selbst, die Städte und die Landflächen unumstösslich das Eigentum der Banken sein werden. So bewegen wir uns weiter auf einen Parallel-Staat zu, in dem die althergebrachte Ordnung aufgehoben werden soll.

Gleichzeitig verschwindet die alte Solidarität. Das soziale Geflecht löst sich auf, und infolgedessen entwickelt sich eine Gesellschaft mit Millionen isolierter Menschen, die untereinander Gleichgültigkeit empfinden, obwohl sie doch der gleichen allgemeinen Not ausgesetzt sind. Das Grosskapital beherrscht durch die Kontrolle über die Produktionsmittel die objektiven Bedingungen und mittels der Kontrolle über die Kommunikations- und Informationsmittel auch die Subjektivität eines jeden einzelnen. Unter diesen Umständen kann das Kapital über die materiellen und sozialen Ressourcen weitgehend ohne Einschränkung verfügen, selbst wenn dabei die Natur unwiederbringlich zerstört und der Mensch Stück für Stück beiseite geschoben wird. Dem Grosskapital ist es möglich, sich zu diesem Zweck aller technologischen Mittel zu bedienen. Und ebenso, wie es die Staaten und Unternehmen als leere Hülsen zurückgelassen hat, hat es auch die Wissenschaft ihres Sinnes entleert und zu einer reinen Technologie verwandelt, die zu Zerstörung, Elend und Arbeitslosigkeit führt.

Die Humanisten können sich ausschweifende Argumentationen darüber ersparen, dass heutzutage die technologischen Voraussetzungen genügen würden, um innerhalb kurzer Zeit die Probleme wie Arbeitslosigkeit, Ernährung, Gesundheitsversorgung, Wohnsituation und Ausbildung in weiten Teilen der Welt zu lösen. Und wenn diese Möglichkeiten nicht genutzt werden, dann einfach deswegen, weil die monströse Spekulation des Grosskapitals es verhindert.

Das Grosskapital hat die Etappe der Marktwirtschaft bereits hinter sich gelassen und beginnt jetzt damit, die Gesellschaft zu disziplinieren, um sie auf das Chaos vorzubereiten, das von ihm selbst erzeugt wurde. Angesichts dieser Irrationalität erheben sich nicht die dialektischen Stimmen der Vernunft, sondern die dunkelsten Stimmen des Rassismus, des Fundamentalismus und des Fanatismus. Und falls dieser Neo-Irrationalismus einmal ganze Regionen und Menschengruppen leiten sollte, würde das den Handlungsspielraum der progressiven Kräfte Tag für Tag weiter einschränken. Andererseits gibt es aber schon Millionen von Arbeitenden, die sich über die Unsinnigkeit des staatlichen Zentralismus genauso im klaren sind wie über die Verlogenheit der kapitalistischen Demokratie. Und so geschieht es, dass sich die Arbeiter gegen ihre korrupten Gewerkschaftsführer erheben, ebenso wie die Bevölkerung überall die jeweiligen Parteien und Regierungen hinterfragt. Aber es ist notwendig, diesen Phänomenen eine Richtung zu geben. Andernfalls werden sie sich auf spontane Handlungen ohne jeglichen Fortschritt beschränken. Es ist notwendig, in der Bevölkerung die grundlegenden Themen der Produktionsfaktoren zu diskutieren.

Die Humanisten betrachten als Produktionsfaktoren einerseits die Arbeit und andererseits das Kapital. Spekulation und Wucher sind überflüssig. In der gegenwärtigen Situation kämpfen die Humanisten dafür, dass die absurde Beziehung zwischen den beiden Produktionsfaktoren von Grund auf verändert wird. Bis heute hat sich durchgesetzt, dass der Gewinn dem Kapital und der Lohn den Arbeitenden zusteht. Dieses Ungleichgewicht wird mit dem Argument gerechtfertigt, dass mit der Investition das Risiko verbunden sei so als ob ein Arbeitender im Auf und Ab der Krisen und der damit verbundenen Gefahr der Arbeitslosigkeit nicht ebenso seine gegenwärtige und zukünftige Existenz aufs Spiel setzen würde. Es geht also auch darum, wer die Geschäftsleitung und Geschäftsführung des Unternehmens innehat. Der Gewinn, der nicht wieder in das Unternehmen investiert wird, um seine Expansion oder Diversifikation voranzutreiben, mündet in die Finanzspekulation. Der Gewinn, der keine neuen Arbeitsplätze schafft, fliesst in die Finanzspekulation. Deshalb muss der Kampf der Arbeitenden darauf ausgerichtet sein, das Kapital zu seiner höchsten produktiven Rendite zu zwingen. Das wird sich jedoch so lange nicht verwirklichen lassen, wie nicht beide Produktionsfaktoren an der Geschäftsleitung und Geschäftsführung beteiligt sind. Wie sonst können Massenentlassungen, Betriebsschliessungen und rücksichtslose Rationalisierungen verhindert werden? Das Problem ist nicht der Gewinn, der sich als Konsequenz eines Produktivitätszuwachses einstellt. Das wirkliche Übel liegt in der Subinvestition, dem betrügerischen Bankrott, der Zwangsverschuldung und der Kapitalflucht. Und wollte man den Lehren des XIX. Jahrhunderts folgen und die Enteignung der Produktionsmittel durch die Arbeitenden fordern, sollte man auch das jüngste Scheitern des realen Sozialismus in Betracht ziehen.

Bezüglich des Einwands, dass, wenn das Kapital bestimmten Rahmenbedingungen unterworfen würde (so wie auch die Arbeit bestimmten Rahmenbedingungen unterworfen ist), dies zu seiner Abwanderung in gewinnbringendere Regionen führen würde, ist zu sagen, dass dies nicht mehr lange geschehen wird. Die Irrationalität des gegenwärtigen Modells führt nämlich zu seiner eigenen Sättigung und damit zu seinem weltweiten Zusammenbruch. Neben der Rechtfertigung einer radikalen Unmoral zeigt dieser Einwand, dass er den historischen Prozess des Kapitaltransfers zu den Banken missachtet. Am Ende dieses Prozesses wird der Unternehmer selbst zu einem Angestellten ohne Entscheidungsgewalt innerhalb einer Kette, in der er nur scheinbar immer noch selbständig entscheidet. Andererseits werden die Unternehmer angesichts der sich verschärfenden Rezession selbst anfangen, sich über diese Zusammenhänge Gedanken zu machen.

Die Humanisten empfinden die Notwendigkeit, ihren Einsatz vom Bereich der Arbeit auf den politischen Bereich auszudehnen, um zu verhindern, dass der Staat zu einem Werkzeug des internationalen Finanzkapitals wird, um eine gleichberechtigte Beziehung zwischen den Produktionsfaktoren zu erreichen und der Gesellschaft ihre geraubte Selbständigkeit zurückzugeben.

“In einer realen Demokratie muss die Repräsentativität der Minderheiten garantiert sein. Darüber hinaus muss jedes Hilfsmittel genutzt werden, das ihre Eingliederung und Entfaltung praktisch fördert.”

2. Die formelle Demokratie und die reale Demokratie

Das Gebäude der Demokratie hat ernsthaften Schaden erlitten. Sein Fundament hat Risse bekommen. Seine drei grossen Stützpfeiler die Gewaltenteilung, die Repräsentativität und die Achtung der Minderheiten tragen es weniger denn je.

Die Gewaltenteilung hat nur in der Theorie Bestand. In der Praxis ist sie ein Widerspruch in sich. Es reicht aus, den Ursprung und die Zusammensetzung der einzelnen Komponenten zu untersuchen, um festzustellen, dass sie eng miteinander verwoben sind. Das kann auch gar nicht anders sein, da sie ein und demselben System angehören. So entsprechen die häufig auftretenden Konflikte wie Korruption, Ämterhäufung bzw. Überschneidung von Funktionen, Unregelmässigkeiten und Skandale der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Situation eines gegebenen Landes.

Was die Repräsentativität angeht, so ging man seit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts davon aus, dass sich ein einziger Vorgang zwischen der Wahl und dem Mandatsabschluss der Volksvertreter abspielt. Aber mit der Zeit wurde deutlich, dass hier zwei voneinander unabhängige Vorgänge ablaufen: ein erster, in dem sehr viele einige wenige wählen, und ein zweiter, davon getrennter, in dem diese wenigen die vielen verraten, indem diese Mandatsträger mandatsferne Interessen vertreten. Die Wurzel dieses Übels liegt schon in den politischen Parteien, die nur noch aus Parteiführung und Spitzenpolitikern bestehen, die von den Bedürfnissen des Volkes weit entfernt sind. In der Parteimaschinerie finanziert die Lobby die Kandidaten und bestimmt deren politischen Kurs. All das zeigt eine tiefe Krise im Konzept und in der Verwirklichung der Repräsentativität.

Die Humanisten kämpfen für ein neues Modell der Repräsentativität, in dem Volksbefragungen, Volksentscheide und die Direktwahl von Kandidaten höchste Bedeutung besitzen. Tatsächlich existieren in zahlreichen Ländern noch Gesetze, durch die unabhängige Kandidaten gegenüber den politischen Parteien benachteiligt werden oder ihnen durch fadenscheinige Vorwände oder finanzielle Auflagen erschweren, sich der Wahl durch das Volk zu stellen. Verfassungen oder Gesetze, die sich dem aktiven oder passiven Wahlrecht der Bürger widersetzen, hintergehen die Wurzeln der realen Demokratie, die eigentlich über jeder gesetzlichen Regelung stehen sollte. Und wenn es darum geht, die Gleichheit der Möglichkeiten zu verwirklichen, müssen sich die Medien während der Wahlperioden in den Dienst der Bevölkerung stellen und allen Kandidaten die gleichen Möglichkeiten einräumen, ihre Vorschläge vorzustellen. Ausserdem müssen Gesetze zur politischen Verantwortlichkeit eingeführt werden, aufgrund derer jeder gewählte Repräsentant, der seine Wahlversprechen nicht einhält, den Verlust seiner Immunität, seine Absetzung oder ein politisches Gerichtsverfahren riskiert. Denn die andere, augenblicklich praktizierte Variante, in der die Individuen oder Parteien, die ihre Wahlversprechen nicht einhalten, bei den nächsten Wahlen einen Denkzettel erhalten, verhindert in keiner Weise den beschriebenen zweiten Vorgang des Verrats an den Wählern. Hinsichtlich direkter Befragungen zu dringenden Themen gibt es tagtäglich mehr technische Möglichkeiten für ihre Umsetzung. Wir beziehen uns dabei nicht auf manipulierte Meinungsumfragen, sondern darauf, mittels hochmoderner, elektronischer und computergesteuerter Mittel die direkte Beteiligung und Stimmabgabe zu erleichtern.

In einer realen Demokratie muss die Repräsentativität der Minderheiten garantiert sein. Darüber hinaus muss jedes Hilfsmittel genutzt werden, das ihre Eingliederung und Entfaltung praktisch fördert. Heutzutage müssen die durch den Fremdenhass und die Diskriminierung bedrängten Minderheiten ängstlich um ihre Anerkennung bitten. In diesem Sinne liegt es in der Verantwortung aller Humanisten, diesem Thema Priorität einzuräumen und überall dort, wo es notwendig ist, Front zu machen gegen offene oder verdeckte neofaschistische Strömungen. Denn für die Rechte der Minderheiten zu kämpfen bedeutet, für die Rechte aller Menschen zu kämpfen.

Genauso geschieht es beim Zusammenschluss von Provinzen, Regionen oder autonomen Gebieten zu einem Land, wo einige von ihnen die gleiche Diskriminierung der Minderheiten durch einen zentralistischen Staat erleiden, der heute ein unsensibles Instrument in den Händen des Grosskapitals geworden ist. Um dem entgegenzuwirken, muss eine föderative Organisation aufgebaut werden, bei der die reale politische Macht in die Hände historischer und kultureller Körperschaften zurückgegeben wird.

Den Themen Kapital, Arbeit und reale Demokratie sowie dem Ziel Dezentralisierung des Staatsapparates Priorität zu verleihen, bedeutet letzten Endes, den Weg des politischen Kampfes zur Schaffung einer neuen Art von Gesellschaft einzuschlagen: einer flexiblen Gesellschaft, die konstant in Veränderungen begriffen ist, entsprechend den dynamischen Bedürfnissen der Völker, die heutzutage von der Abhängigkeit erstickt werden.

“Jedesmal, wenn sich ein einzelner oder eine Gruppe gewaltsam anderer bemächtigt, verwandelt er bzw. sie die Opfer in ‘natürliche Objekte’ und hält damit die Geschichte auf.”

3. Der humanistische Standpunkt

Bei ihrem Handeln lassen sich die Humanisten nicht von phantastischen Theorien über Gott, die Natur, die Gesellschaft oder die Geschichte inspirieren. Hingegen gehen sie von den grundlegenden Bedürfnissen des Lebens aus, sich vom Schmerz zu entfernen und sich dem Wohlbefinden anzunähern. Diesen Bedürfnissen fügt das menschliche Leben die Sorge um die Zukunft hinzu und stützt sich dabei sowohl auf Erfahrungswerte als auch auf die Absicht, die gegenwärtige Situation zu verbessern. Die Erfahrung der Menschen ist nicht einfach das Ergebnis natürlicher oder physiologischer Selektionen oder Akkumulationen, wie es bei allen anderen Arten der Fall ist. Vielmehr ist es eine soziale und persönliche Erfahrung, die darauf abzielt, gegenwärtigen Schmerz zu überwinden und künftigem vorzubeugen. Seine in gesellschaftlichen Erzeugnissen angesammelte Arbeit wird von Generation zu Generation weitergegeben, und zwar in einem ständigen Kampf zur Verbesserung der natürlichen Bedingungen, selbst denen des eigenen Körpers. Deshalb muss der Mensch als geschichtliches Wesen definiert werden, dessen Art des gesellschaftlichen Handelns fähig ist, die Welt und seine eigene Natur zu verändern. Jedesmal, wenn sich ein einzelner oder eine Gruppe gewaltsam anderer bemächtigt, verwandelt er bzw. sie die Opfer in ‘natürliche Objekte’ und hält damit die Geschichte auf. Die Natur besitzt keine Absicht, und wer die Freiheit und Absicht anderer verneint, verwandelt sie damit in natürliche Objekte, in Gebrauchsgegenstände.

Der langsame und stete Fortschritt der Menschheit verlangt nach der Verwandlung der Natur und der Gesellschaft, indem die tierische und gewaltsame Bemächtigung des Menschen durch den Menschen beendet wird. In diesem Moment wird die menschliche Vorgeschichte zu einer wahrhaft menschlichen Geschichte werden. Bis dahin kann nur der Mensch selbst der zentrale Wert sein – mit all dem, was er verwirklicht hat, mit all seiner Freiheit. Deshalb proklamieren die Humanisten: «Nichts über dem Menschen und kein Mensch unter einem anderen Menschen.» Sobald man Gott, den Staat, das Geld oder irgendeine andere Wesenheit über den Menschen stellt, ordnet man ihn zwangsläufig diesem Wert unter und schafft im gleichen Atemzug die Voraussetzung für seine spätere Kontrolle oder Opferung. Für die Humanisten ist dieser Punkt klar. Es gibt gläubige und atheistische Humanisten. Aber sie gehen keinesfalls von ihrem Glauben oder ihrem Atheismus aus, um ihre Sichtweise der Welt und ihr Handeln zu begründen. Sie gehen vom Menschen und seinen unmittelbaren Bedürfnissen aus. Und wenn sie beim Kampf um eine bessere Welt glauben, eine Absicht zu entdecken, die die Geschichte in eine fortschrittliche Richtung lenkt, dann stellen sie diesen Glauben oder diese Entdeckung in den Dienst des Menschen.

Die Humanisten greifen das Grundproblem auf: Zu wissen, ob man leben möchte, und zu entscheiden, unter welchen Bedingungen man dies tun möchte.

Alle Formen körperlicher, wirtschaftlicher, rassistischer, religiöser, sexueller oder ideologischer Gewalt, aufgrund derer der menschliche Fortschritt verhindert wurde, sind den Humanisten zuwider. Die Humanisten klagen alle Formen von Diskriminierung an, gleichgültig, ob diese latent sind oder offen zutage treten.

Die Humanisten sind nicht gewalttätig, aber vor allen Dingen sind sie keine Feiglinge. Sie haben keine Angst, sich der Gewalt entgegenzustellen, denn ihre Handlung hat Sinn. Die Humanisten verknüpfen ihr persönliches mit dem gesellschaftlichen Leben. Sie schaffen keine falschen Gegensätze, und eben darin gründet sich ihre Kohärenz.

So ziehen wir eine klare Linie zwischen dem Humanismus und dem Anti-Humanismus. Der Humanismus stellt die Arbeit über das Grosskapital, die reale Demokratie über die formelle Demokratie, die Dezentralisierung über die Zentralisierung und die Nicht-Diskriminierung über die Diskriminierung. Er stellt die Freiheit über die Unterdrückung und den Lebenssinn über die Resignation, über die Mitläuferei und über das Absurde.

Da sich der Humanismus auf der Wahlfreiheit gründet, besitzt er so die einzig gültige Ethik für den gegenwärtigen Moment. Aus diesem Grund und weil er an die Absicht und an die Freiheit glaubt, unterscheidet er zwischen dem Fehler und der Verlogenheit, zwischen dem, der sich irrt, und dem Verräter.

“Bei breiten Schichten von Studenten und Dozenten, die normalerweise sensibel für jede Form von Ungerechtigkeit sind, wird der Wille zur Veränderung in dem Masse zunehmen, in dem die allgemeine Krise des Systems sie betrifft.”

4. Vom naiven Humanismus zum bewussten Humanismus

Der Humanismus muss den simplen Protest in eine bewusste Kraft verwandeln, die eine Veränderung der Wirtschaftsstruktur vor Augen hat. Diese Kraft muss sich in der sozialen Basis, an den Arbeitsplätzen und den Wohnorten, organisieren.

Was die engagierten Mitglieder der Gewerkschaften und der progressiven politischen Parteien betrifft, so wird ihr Kampf in dem Masse an Zusammenhang und Sinn gewinnen, in dem sie sich dafür einsetzen, die Führungsebenen ihrer Organisationen zu verändern und diesen eine Orientierung zu geben, die an oberster Stelle und noch vor den unmittelbaren Forderungen die Grundforderung des Humanismus stellt.

Bei breiten Schichten von Studenten und Dozenten, die normalerweise sensibel für jede Form von Ungerechtigkeit sind, wird der Wille zur Veränderung in dem Masse zunehmen, in dem die allgemeine Krise des Systems sie betrifft. Und sicherlich sind die Vertreter der Presse, die in direktem Kontakt mit der täglichen Tragödie stehen, heute in der Lage, in eine humanistische Richtung zu handeln. Das gilt ebenso für breite Schichten von Intellektuellen, deren Wirken im Widerspruch zu den von diesem unmenschlichen System propagierten Richtlinien steht.

Viele Haltungen sind sich der Tatsache des menschlichen Leidens bewusst und fordern zum uneigennützigen Handeln zugunsten der Entrechteten und Diskriminierten auf. Vereinigungen, aktive Mitglieder unterschiedlichster Gruppierungen und grosse Teile der Bevölkerung setzen sich sporadisch in Bewegung und leisten einen positiven Beitrag, unter anderem, indem sie diese Probleme kritisieren. Diese Gruppierungen haben jedoch keinen Vorschlag zur Veränderung der Strukturen, die dieses Übel zu verantworten haben. So betrachtet sind diese Haltungen eher als humanitäre Bemühungen denn als Handlungen eines bewussten Humanismus einzuordnen. In ihnen finden sich Protestformen und punktuelle Aktionen, die vertieft und ausgedehnt werden können.

“Ihre Verlogenheit gipfelt darin, dass sie sich gelegentlich als Repräsentanten des Humanismus ausgeben.”

5. Der antihumanistische Bereich

Je mehr die Macht des Grosskapitals die Völker unterdrückt, desto stärker lassen sich inkohärente Haltungen beobachten, die das Unbehagen der Bevölkerung ausnutzen und es in Richtung vorgeschobener Schuldiger kanalisieren. Diesen neofaschistischen Haltungen liegt eine tiefe Ablehnung der menschlichen Werte zugrunde. Auch im Falle einiger fehlgeleiteter ökologischer Strömungen wird die Natur über den Menschen gestellt. Und so legen sie nicht etwa dar, dass die ökologische Katastrophe eben deshalb so schwerwiegend ist, weil sie das Leben der Menschen in Gefahr bringt, sondern weil der Mensch gegen die Natur verstossen hat. Für einige dieser Strömungen ist der Mensch schmutzig und verschmutzt aus diesem Grund die Natur. Ihrer Ansicht nach wäre es besser gewesen, die Medizin wäre im Kampf gegen die Krankheiten und für die Verlängerung des Lebens weniger erfolgreich gewesen. Sie proklamieren hysterisch: „Die Erde zuerst!“ und erinnern damit an Parolen des Nationalsozialismus. Es ist nur ein kleiner Schritt von dieser Fehleinschätzung zur Diskriminierung von ganzen Kulturen, die die Natur verseuchen, oder von Ausländern, die die Umwelt verunreinigen. Auch diese Strömungen sind dem Anti-Humanismus zuzurechnen, da sie im Grunde den Menschen verachten. Die geistigen Väter dieser Strömungen verachten sich selbst und spiegeln die nihilistischen und selbstmörderischen Tendenzen wider, die heutzutage in Mode gekommen sind.

Ein feinfühliger Teil der Bevölkerung schliesst sich der ökologischen Strömung an, weil er das schwerwiegende Problem versteht, das diese anklagt. Wenn diese ökologische Strömung den notwendigen humanistischen Charakter annimmt, wird sie gegen die Verursacher dieser Katastrophe kämpfen, nämlich gegen das Grosskapital und die Kette von zerstörerischen Industrien und Unternehmen, die in direkter Beziehung zum militärisch-industriellen Komplex stehen. Noch vor eventuellen Aktionen zum Schutz der Seehunde sollte eine bewusste Ökologie dem Hunger, der Übervölkerung, der Säuglingssterblichkeit, den Krankheiten, der mangelhaften sanitären Versorgung und der Wohnungsnot in vielen Teilen der Welt die Stirn bieten. Sie wird dabei die Brücke zum Thema der Arbeitslosigkeit, der Ausbeutung, des Rassismus, der Diskriminierung und der Intoleranz in einer technologisch hochentwickelten Welt schlagen – einer Welt, die eben durch irrationales Wachstum das weltweite ökologische Ungleichgewicht verursacht.

Es ist nicht nötig, sich zu sehr in der Betrachtung der rechtsgerichteten Gruppierungen als politischer Instrumente des Anti-Humanismus zu ergehen. Ihre Verlogenheit gipfelt darin, dass sie sich gelegentlich als Repräsentanten des Humanismus ausgeben. In diese Sparte fallen auch die schlauen Pfaffen, die versucht haben, auf der Grundlage eines lächerlichen ‘theozentrischen Humanismus’ zu theoretisieren. Diese Leute, die die Erfinder der Religionskriege und der Inquisitionen waren, diese Leute, die die Henker der historischen Väter des abendländischen Humanismus waren, haben sich die Tugenden ihrer Opfer nachträglich angeeignet und es fertiggebracht, den historischen Humanisten ihre ‘Irrtümer’ zu verzeihen. Die Unaufrichtigkeit und vorsätzliche Verfälschung der Terminologie geht sogar so weit, dass die Vertreter des Anti-Humanismus versuchen, unter dem Deckmantel des Humanismus aufzutreten.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, die Mittel, Instrumente, Formen und Ausdrücke aufzulisten, derer sich der Anti-Humanismus bedient. Eine Aufklärung hinsichtlich dieser hinterhältigen Tendenzen des Anti-Humanismus ist aber in jedem Fall von Nutzen, damit spontane oder naive Humanisten ihre Konzepte und die Bedeutung ihres sozialen Handelns überprüfen können.

“Das Ziel einer solchen Bewegung ist es, die Vereinigung der Kräfte zu fördern, denen es möglich ist, die Bevölkerung zunehmend zu beeinflussen, um ihre Handlung in Richtung einer sozialen Veränderung auszurichten.”

6. Die humanistischen Aktionsfronten

Der Humanismus organisiert Aktionsfronten im Bereich der Arbeit, des Wohnens, der Gewerkschaften, der Politik und der Kultur mit der Absicht, immer mehr den Charakter einer sozialen Bewegung anzunehmen. Dadurch schafft er die Voraussetzungen, damit die verschiedenen fortschrittlichen Kräfte, Gruppen und Individuen im Rahmen dieser Strömung aktiv werden können, ohne dabei ihre Identität oder ihre Besonderheiten zu verlieren. Das Ziel einer solchen Bewegung ist es, die Vereinigung der Kräfte zu fördern, denen es möglich ist, die Bevölkerung zunehmend zu beeinflussen, um ihre Handlung in Richtung einer sozialen Veränderung auszurichten.

Die Humanisten sind weder naiv, noch erstarren sie verzückt in Erklärungen, die typisch für romantische Epochen sind. In diesem Sinne verstehen sie ihren Vorschlag nicht als den fortschrittlichsten Ausdruck des sozialen Bewusstseins und sehen auch ihre Organisation nicht als über jede Kritik erhaben an. Die Humanisten geben nicht vor, Repräsentanten einer Mehrheit zu sein. Aber sie handeln in Übereinstimmung mit dem, was ihnen am gerechtesten erscheint. Sie beabsichtigen die Veränderungen, die ihnen für diesen Moment, in dem sie leben, möglich und notwendig erscheinen.